VOM GESTEUERTEN ZUFALL IM ENTSCHEIDENDEN AUGENBLICK

 

Die PIECES von Hans Peter Riegel

 

Der sogenannte “moment décisif“ prägt die Bewertung der Fotografie während der ersten 150 Jahren seit ihrer Erfindung. Nur wer den Auslöser im entscheidenden Augenblick drückt und gleichzeitig den richtigen Bildausschnitt wählt, besitzt den Schlüssel zum fotografischen Ruhm.

 

Henri Cartier-Bresson, der definitorische Erfinder des “moment décisif“ steht an oberster Stelle dieser Qualtätspyramide; dicht gefolgt von Robert Capa, Werner Bischof, Elliot Erwitt, Nan Goldin, Martin Parr, Alec Soth und den anderen Dokumentalisten einer Bild-Wirklichkeit.

 

Doch der “moment decisif“ weist nicht nur eine kognitive Dimension auf, sondern kann auch als koinzidentielle Qualität verstanden werden. Der Medienkünstler, Filmemacher und Autor Hans Peter Riegel fokussiert in seinem Projekt PIECES mit unkonventionellen und höchst eigenständigen Methoden auf diese Dimension der fotografischen Entscheidung.

 

Die Fotografie ist für Riegel ein Schlüssel-Medium. Seit seiner Zeit am Gymnasium hat er kontinuierlich mit Kleinbildkameras fotografiert. Anfänglich, um seine Beiträge für eine Schülerzeitung zu illustrieren, später, um sein Leben und seine Reisen zu dokumentieren.

 

Die Fotografie hat ihm auch Zugang zur Kunstszene verschafft: Als er, noch nicht einmal volljährig, für ein Underground-Magazin den Künstler Jörg Immendorff ablichtete, gefielen dem Künstler die Portraits so gut, dass er Riegel beauftragte, weitere Fotos anzufertigen, die dann in Kunstzeitschriften abgedruckt wurden. Das war der erste “moment décisif“ für Riegels fotografisches Wirken.

 

Die Kamera wurde eine permanente Begleiterin, die Fotos ein künstlerisches Selbstvergewiserungs-Instrument. Trotzdem hat Hans Peter Riegel die über Jahrzehnte entstandenen Bilder kaum über den Aggregatzustand

des Negativs hinaus weiter bearbeitet; das Provisorische dieses Lebens zwischen Künstlerateliers, Werbeagentur und Road Movie manifestierte sich allerhöchstens in Kontaktabzügen, die ab und an von Markierung eines Fettstifts eine handschriftliche Dramatisierung erfuhren.

 

Als in Riegels Archiv ein Wasserschaden geschieht, kommt ein weiterer “moment décisif“ hinzu. Das Wasser dringt in die Schachteln ein, verklebt die Jahrzente alten Negative und Kontaktbögen, verschmiert die vormals klar konturierten Linien des Fettstifts.

 

Das vom Zufall bearbeitete Bildmaterial gleicht ab diesem Augenblick einem visuellen Komposthaufen der Biografie von Riegel. Mit teilweise brachialen Methoden nimmt sich der Künstler dieses Material vor, eignet es sich von Neuem an. Riegel isoliert einzelne Sujets, reist Verklebungen auseinander und legt das freigelegte Motiv auf einen Scanner.

 

Die so entstandenen neuen Bilder werden anschliessend zu teils grossformatigen Prints vergrössert. Sie zeigen menschenleere, poetische Bildwelten, mit künstlicher Farbgebung, solarisierten Verfleckungen, geheimnisvollen Markierungen und Spuren zerstörerischer Manipulationen. Mitunter als Negativ belassen, verweisen sie auf die Gegenwelt unserer Traumbilder.

 

Am Ende dieses vielschichtigen Prozesses bleiben Bilder der Verunklärung zurück. Bilder, die ein Grenzgang zur Malerei sind und die trotz ihres Gegenwelt-Charakters die eigene Herkunft nicht leugnen: Es sind biografische Momente der Kunstgeschichte, die eine kritische Masse von entscheidenden Augenblicken, von decisiven Momenten in sich synthetisieren.

 

Christoph Doswald

 

 

 

 

 

(alle Motive sind nur Beispiele aus einem weit umfangreicheren Projekt)