SIS.TM-PROJEKT 2003-2008

 

Von 2003 bis 2008 führte Hans Peter Riegel das Konzept- und Internetkunst-Projekt SIS.TM durch. Hierin setzte er sich kritisch

mit der Sozialisierung von Individuen im Internet auseinander. Der im Internet geläufigen Praxis der Anonymität von Autoren folgend,

verbarg sich er sich hinter dem Pseudonymen SIS.TM und S.Taggman.

 

Hans Peter Riegel zählt zu den ersten Künstlern, die sich mit dem Medium Internet und dessen gesellschaftlichen Einflüssen befasste.

 

SIS.TM PROJECT 2003-2008

 

From 2003 to 2008 Hans Peter Riegel carried out the conceptual- and internetart-project SIS.TM. Here he critically examined

the socialization of individuals on the Internet.Following the practice of anonymity of authors in the internet, he hid behind the pseudonyms SIS.TM and S.Taggman.

 

Hans Peter Riegel was one of the first artists to study the medium of the Internet and itssocietal influences.

 

 

Installation "LEAN MORE" 2007

 

Installation "FLICKERING SUBJECTS I - AUGENZEUGEN " 2007

 

AUSSTELLUNGEN UND AKTIONEN  SIS.TM-Projekt

 

2008 Do you eat - Flickering Subjects VI, Kaskadenkondensator, Basel

2007 Funny Subjects, Galerie Brot und Spiele, Berlin

2007 Aggression - Flickering Subjects V, Kunsthalle Winterthur, Winterthur

2007 Learn more - Flickering Subjects IV, Installation im öffentlichen Raum, Zürich

2007 Flickering Subjects III, Tweakfest Festival, Zürich

2007 Flickering Subjects II, Cabaret Voltaire, Zürich

2007 Flickering Subjects I, Augenzeugen, Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon

2006 Draw Subjects, Plattform 11, Zürich

2005 Incredible Subjects II, Video-Installation, SUPERMARKET, Zürich

2005 Incredible Subjects I, Plattform 11, Zürich

2004 Female Subjects, Plattform 11, Zürich

2003 Third Pack, Raum-Installation, Spinnerei Murg, Murg

2003 Second Pack, T2 Maag Areal, Zürich

 

 

SIS.TM VIDEO

 

Do you eat, 3 Min, 2008

Funny Subjects, I - V, je 3 Min, 2007

Flickering Subjects V, Agression, 8 Min, 2007

Flickering Subjects IV, Learn more, 3 Min, 2007

Flickering Subjects III, 480 Min, 2007

Flickerung Subjects II, 16:30 Min, 2007

Flickering Subjects I, 60 Min, 2006

Draw Subjects, 4:44 Min, 2006

Incredible Subjects, 15 Min, 2006

Incredible Subjects, how lovely, 2:30 Min, 2005

Incredible Subjects, my brain, 2:30 Min,  2005,

Incredible Subjects, my thoughts, 3:15 Min, 2005

 

 

SIS.TM PUBLIKATIONEN

 

Flickering Subjects, Texte, 2006

Mean Subjects, Neue Bilder, 2006

Incredible Subjects, Ausstellungs-Katalog, 2005

 

 

PUBLIKATIONEN ÜBER DAS SIS.TM-Projekt

 

"Intimitäten im World Wide Web", Dominique von Burg, Kunst Bulletin 9,

Zürich 2007

 

"Der moralische Furor des SIS.TM", digtal brainstorming, 22. August 2007

 

"Aggression-Flickering Subjects V", Oliver Kielmayer, Kunsthalle Winterthur, 2007

 

"Flickerung Subjects", Britta Polzer, Cabaret Voltaire, Zürich 2007

 

"Flickerndes Ausstellungs-Subjet", clickhere.ch, 21.3.2007

 

"Abgründe der globalen Visualität", Aargauer Zeitung, 10.3.2007

 

"Das Web zeigt Abgründe, die früher verborgen blieben", Hans Peter Riegel (SIS.TM),

20 Minuten, Zürich, 8.3.2007

 

"Das Grauen im Auge der Kamera", Neue Zürcher Zeitung, 1.3.2007

 

"Der Bilderkrieg hat auch unsere Intimspähre erfasst", Tagesanzeiger, Zürich, 1.3.2007

 

"Das Gehäuse der Privatheit bröckelt und das Unberechenbare scheint auf“, Paolo Bianchi,

Seedamm Kulturzentrum, Bulletin 79, Pfäffikon 2007

 

"Flickering Subjects - im hirnersäufenden Monumentalgemurmel des Netzes", brainstorming,

12. März 2007

 

"Das Selbst als Nerd und Blogger", Paolo Bianchi,KUNSTFORUM INTERNATIONAL,181,

Ruppichteroth, 2006

 

"Facebattle, Anmerkungen zu Incredible Subjects", Neo van Harff, Ausstellung-Katalog,

Zürich 2005

 

Beitrag in der Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens

über "Flickering Subjects I", 30. Mai 2005, 19.30 Uhr

 

"Ich bin allein holt mich hier raus", Sascha Renner über "Flickering Subjects I",

Tagesanzeiger, Zürich, 29.Mai 2005

SIS.TM - DAS SELBST ALS NERD

 

von Paolo Bianchi   /  KUNSTFORUM Band 181, 2006

 

Wenn Jean Baudrillard vom «Lob der Singularität» spricht, stellt sich sogleich die Frage, was ist das nun eigentlich. Lässt sich die Singularität ins Leben übertragen oder führt sie vielmehr ein abstrakt bleibendes philosophisches Leben. Wenn der Begriff sich vom herkömmlichen des Subjekts abgrenzt, um neue Individuationsprozesse zu skizzieren - etwa im Sinne des Rhizoms sowie transversaler, nicht- hierarchischer Verbindungen - , so bietet sich der Blick in Weblogs als Anregung an, der Singularität womöglich auch in der Lebenspraxis zu begegnen. Der Schweizer Künstler SIS.TM bewegt sich als Globetrotter der Melancholie im Netz, um den Selbstoffenbarungen von Bloggern und Nerds nachzuforschen. Allesamt Singularitäten und zugleich Ströme im Zeichen einer Melancholie des Widerstands.

 

Im Vergleich zum Internet ist das Fernsehen mit seinen «Selbsterfahrungstrips» jenseits der Ekelschranke klar das Leitmedium einer sich infantilisierenden Gesellschaft. Wer im World-Wide-Web durch Weblogs surft, begegnet erschüttern- den Selbstbekenntnissen über die Abenteuer des Fleisches und des Wortes. Ob Abfall oder Wärme, ob biophil oder nekrophil, ob    Über-Ich oder Es, ob schamhaft oder schamlos, ob Selbst- mitleid oder Selbstbewusstsein – alles schimmert auf der Folie einer Parallel-Existenz. Alles scheint eins. Diese Widersprüchlichkeit müssen alle, die sich mit dem Internet befassen, aushalten können. Wer sich als Ahnungsloser reisend im Netz bewegt, wird eine Verschiebung in seiner Wahrnehmung von Wirklichkeit bemerken. Im Internet lässt sich fortlaufend beobachten, wie das Gehäuse von Privatheit bröckelt. Mit dem Unberechenbaren ist zu rechnen. Fehl am Platz sind psychologische Vorurteile, welche die Nerds als «Schatten kultureller Muster» oder als «Summe von Trieben» abtun. Spannender ist, ihrem «Potenzial an Selfstyling» nachzuspüren, das in inszenierten Wirklichkeiten und stimulierenden Sexualisierungen ausgelebt wird.Vom Wunderkind zum Weblog-Künstler.

 

Der in Zürich lebende Schweizer Künstler SIS.TM sieht das Internet als Weltbühne, auf der sich der Feuchtbiotop-Umweltaktivist gleichberechtigt neben der Regierung der USA aufhält.

 

«Was mich beim Web besonders fesselt, ist die exhibitionistische Selbstdarstellung. Selbstäusserungen zwischen Spiritualität und Surrealität, zwischen Vereinsamung und Heroisierung, zwischen Selbsthass und Sadomasochismus stehen unterschiedslos nebeneinander.»

 

Webcam-Schnappschüsse, Party-Pics und andere digital inszenierte Porträts finden im Internet millionenfache Verbreitung. SIS.TM geht mit seinen Rauminstallationen, Fotografien und Videos diesem brandaktuellen gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund.Das Weblog (ein Kunstwort aus «Web» und «Logbuch») besteht aus einer Mischung aus Kommentaren, Netzfunden und guten alten Tagebuch-Einträgen und dient in erster Linie der Unterhaltung oder der persönlichen Selbstdarstellung im Internet.

 

In einem typischen Weblog hält ein Autor (der Blogger oder auch – bei obsessiver Steigerung – der Nerd) seine «Surftour» durch das Internet fest. Die Gesamtheit aller Weblogs bildet die «Blogosphäre». Blogger verstehen sich in den USA als Korrektiv oder gar als Kommunikations-guerilla. Für politische Aktivisten bedeutet die Blogosphäre eine Revolution der Medienwelt wie einst der Buchdruck – nichts weniger als das Ende der Mainstream-Medien. Während sich die herkömmlichen Medien der Analyse und Faktentreue verschreiben, kann in der Blogosphäre jede/r drauflosschreiben, wie er oder sie will.

 

«Mein Thema ist nicht der politisch relevante Aspekt des Mediums Internet, sondern das Individuum, die Masse individualistischer Äusserungen, die ich als Basislager für meine Arbeiten nutze», bemerkt SIS.TM dazu.

 

Das Fundmaterial aus dem Internet wird künstlerisch verfremdet und übermalt, so dass Textfragmente aus Blog-Tagebüchern konfrontiert werden mit dem Panorama einer neuen Form von Narzissmus und Selbstdarstellung.

 

Der heute 41-jährige SIS.TM hat schon im Alter von sechzehn Jahren seine erste Einzelaus-stellung. Die zentralen Arbeiten dieser Zeit sind abstrakte, grossformatige und zumeist monochrome Gemälde. Man spricht von einem «Wunderkind». Während fünf Jahren ist SIS.TM Schüler, Assistent, Projektpartner und fotografischer Biograph von Jörg Immendorff. Er kommt jedoch zu der Einsicht, dass es im Schatten einer egomanen Künstlerpersönlichkeit wie Immendorff unmöglich ist, eine eigene künstlerische Identität herauszubilden. Zu erdrückend ist die Eitelkeit des Grossmeisters. Er steigt in die damals noch experimentelle Werbeszene ein und wird «Art Director» der Schweizer Werbeagentur GGK. Die steile Karriere in der Werbebrache führt jedoch weg vom kreativen Prozess hin zu Management-Aufgaben. Überdruss führt zum Ausstieg bzw. zum Einstieg als Produzent von Tonträgern, Konzerten und jungen Bands.

 

2002 kehrt der einstige Künstler zurück zu den Wurzeln, indem er das Pseudonym SIS.TM wählt und aus dem Nichts den Faden der Kunst weiterspinnt. Melancholie des Widerstands. Mit seiner Kunst verweist SIS.TM auf das Problem der Vereinsamung und der seelischen Störungen von Menschen in der angeblich so kommunikativen und offenen Welt des Internets. Auf Weblogs in den USA und in Skandinavien beobachtet SIS.TM eine «Kultur des Exhibitionismus», die ihn unseren Breitengraden (noch) nicht derart massiv anzutreffen ist. Interessanterweise hat er diese «Kultur des Exhibitionismus» nur im Bereich der Sexualität auf beiden Seiten des Atlantiks in gleichem Masse vorgefunden.

 

«Aus meiner subjektiv künstlerischen Sicht habe ich diese verschärften Äusserungen genutzt, um auf einen Zustand hinzuweisen, der unter der Oberfläche unserer hiesigen Gesellschaft gärt. Was ich zeige, ist die Spitze des Eisbergs.»

 

Dabei stellt sich SIS.TM Fragen wie: Warum hat die Schweiz die höchste Selbstmordrate unter jungen Menschen in Europa? Warum ist die Schweiz im Drogenkonsum ebenfalls auf Spitzenplätzen zu finden? Wie geht es den vielen Singles in Zürich? Alle bestens vernetzt, alle sind gut drauf, wie es ja in der üppigen Gastro-Szene der Stadt zu besichtigen ist – und danach?

 

«Die Heile-Welt-Fassade der Schweiz bekommen vor allem junge Menschen am eigenen Leib zu spüren: Protestantismus, Erfolgszwang, Anpassungsdruck und Repression. Meine künstlerische Methode besteht darin, hinter die Fassaden zu schauen und dort verdeckte gesellschaftliche Phänomene ans Licht zu holen.»

 

Als SIS.TM im Januar 2005 in einer Zürcher Ausstellung junge Menschen dokumentiert, in der Pose der lasziven Lolita oder des coolen Gangsters, beim Onanieren oder im chaotischen Teenagerzimmer, verkündet die Tagespresse sogar die «Geburtsstunde einer neuen Pop Art, die aus einer selbstständigen Volks- und Subkultur erwächst» (Sascha Renner, «Tages-Anzeiger», 29.1.05). Kulturpessimisten würden von einer zutiefst verunsicherten Generation sprechen und vom Kollaps der Selbstkontrolle angesichts der öffentlichen Preisgabe intimster Details. Sozialromantiker könnten hierin die Melancholie des Widerstands finden. Wer mit prekären Darstellungen von Befindlichkeit die Aufmerksamkeit der anderen sucht, versucht die Gleichgültigkeit des Universums erträglich zu gestalten – eine Ästhetik des Widerstands gegen das Erwachsenwerden.

 

Es ist der Versuch, bei Gott oder in so etwas wie Gemeinschaft anzukommen. SIS.TM bewegt sich als Globetrotter der Melancholie im Netz wie in einem Garten mit dichtem und weichem Moosteppich, auf dem Blogger und Nerds ihren Nährboden finden.Laut Science-Fiction-Autor Douglas Adams ist ein Nerd «jemand, der einen Computer benützt, um einen Computer zu benützen – und aus keinem anderen Grund». Der englische Begriff «Nerd» (Not emotionally responding dude) steht – meistens abwertend – für Fachidiot, Langweiler, Sonderling, Streber oder Schwachkopf. Ob jemand ein Nerd ist oder nicht, hängt meist vom Umfeld ab. Wenn Aussenstehende mit dem Zeigfinger jemanden als Nerd identifizieren, ist das natürlich negativ gemeint. Wenn jedoch Gleichgesinnte jemanden als Nerd bezeichnen, gilt das als Auszeichnung. Wer sich selbst Nerd nennt, stellt sich in ein positives Licht. Nerds legen übrigens keinen Wert auf die Meinung von Nicht-Nerds.

 

Von der Kunstwelt ins Klubambiente. Das Internet als Ort der Jetztzeit verweist im Andern aufs Eigene, gibt Auskunft, zollt Reverenz. Als Ort der Präsenz eines aufgesplitterten Subjekts weist es das Konzept des Individuums als «Kern», «Ich» und «Identität» zurück. Im Kontext postmoderner französischer Theorieansätze (etwa bei Gilles Deleuze und Félix Guattari) treten ortlose «Ströme», «Intensitäten» und «Netzwerke» an die Stelle der hierarchischen Anordnung von Subjekten. In der Netzwerkgesellschaft gewinnt die «Macht der Ströme», wie Manuel Castells pointiert festhält, «Vorrang gegenüber den Strömen   der Macht».In den Überlappungszonen der Wahrnehmungsströme und des versprengten Subjekts erscheint im Internet das Selbst als utopische Geste. Folgerichtig ist für SIS.TM die Frage nach der Biografie völlig unerheblich.

 

«Ich könnte jeden Tag eine neue Identität annehmen, mit dieser Identität dann in ein weiteres System oder Subsystem eines grösseren Systems einsteigen. Was ich bin, bin ich in meiner Arbeit. Meine Identität und damit auch meine Namensgebung folgt den Inhalten meiner Arbeit. In der Webwelt, aus der ich die Inhalte meiner Projekte beziehe, ist dieses Spiel mit den Identitäten schon lange aktuell.»

 

Die lautmalerische Nähe des Pseudonyms SIS.TM zum Wort System, aber auch zu «This Trademark» ist mit Absicht gewählt: «Die Kunstwelt ist heute letztlich nichts anderes als ein hochkommerzia-lisiertes Star-System. Die Wahl dieses Pseudonyms ironisiert diesen Umstand.» Die Anonymität erlaubt SIS.TM, in anderen Systemen (Kunstwelt, Netzwelt, Alltag) jede beliebige Identität anzunehmen.Mit seinen neuen Videoprojektionen zieht es SIS.TM in die Klubs, wo seine Loops zur elektronischen Tanzmusik von Live-DJs gezeigt werden. Mit Extrakten aus Video-Logs gestaltet er einen expressiven Video-Trip.

 

«Meine Kunst beschäftigt sich mit Phänomenen der Jugendkultur. Es ist somit nur konsequent, den elitären Rahmen der Galerieszene zu verlassen und dahin zu gehen, wo die diversen Aspekte der Jugendkultur stattfinden, wo die Protagonisten meiner Arbeiten zu finden sind. Es ist ein Experiment.»

 

Es ist nachvollziehbar, dass es SIS.TM ins Klubambiente zieht, in welchem es für die Klubkultur-Protagonisten wesentlich ist, Authentizität, Autorschaft und Aura in Frage zu stellen. Techno- und House-Künstler verstecken sich ganz bewusst hinter Pseudonymen und digitalen Benutzer-oberflächen statt inszeniert aufzutreten. Die zentralen Begriffe lauten: Abstraktion und Anonymität. Im Klub steht die Sound-Innovation im Zentrum und nicht die Künstlerpersönlich-keit.Die Techno-Kultur demokratisiert die Selbstdarstellung und überlässt die narzisstisch tanzenden Individuen sich selbst. SIS.TM programmiert mit seinen Videoloops ein neues visuelles Paradigma für den Wahrnehmungsraum der Klubgänger. Die Konzentration richtet sich, während die Klubgäste weitertanzen, nicht zentralperspektivisch auf einen Punkt, sondern rhizomatisch auf die verteilten Leinwände mit der hedonistischen Selbstfeier der Nerds.

 

Dass auch Weblogger aus der Anonymität des Netzes ins Rampenlicht der Kunstwelt treten können, belegt das Beispiel von Natacha Merrit (*1977), die mit der Digitalkamera, dieser Polaroid der Neunzigerjahre, Intimitäten in Informationsbits verwandelt. Beim Surfen im Netz wurde der Coolhunter und Fotograf Eric Kroll per Zufall auf Merritts Internet-Foto-Tagebuch aufmerksam (www.digitalgirly.com), das Aufnahmen jenseits bekannter Pin-Up- und Fetisch-Fotografie zeigt. Inzwischen werden sie vom Taschenverlag als „Digital Diaries“ verlegt und schmücken bereits die Covers von bürgerlichen Magazinen. Dieser Weg von der Anonymität ins Rampenlicht kann auch SIS.TM bevorstehen – als Debüt und Coming-out in die Öffentlichkeit.

 

"FLICKERING SUBJECTS" IM HIRNERSÄUFENDEN MONUMENTALGEMURMEL DES NETZES

 

Die Kunstfigur SIS.TM ist ein Phantom. Sein eben erschienenes Buch "Flickering Subjects" hingegen ist greifbar und versammelt Text- Zitate aus Weblogs. Es handelt sich um eine kleine Perle der Netzkultur.

 

Denn es ist eine Saga, dass Netzgänger das Buch abschaffen wollen, es ist höchstens so, dass sie nicht mehr zum Lesen von Büchern kommen. Der Autor von "Flickering Subjects" hingegen versteht auch etwas von Büchern. Das merkt man daran, dass er mit dem Format spielt. So sind die Buchseiten nicht nummeriert und da die Blätter nur einseitige bedruckt sind, könnte man die einzelnen Seiten wieder aus der linearen Ordnung herausnehmen und in das chaotische Durcheinander des Netzes zurückversetzen.

 

Wie ein Minenarbeiter hat SIS.TM Text-Brocken aus dem unwegsamen Netzmassiv herausgeschlagen und bringt sie

in eine eigene zahlenlose Ordnung. Durch seine Beobachter- und Sammlertätigkeit wird die gewalttätige Unübersichtlichkeit der Blogwelt, dieses hirnersäufende Monumentalgemurmel,überhaupt wahrnehmbar und sogar

ganz liebenswert.

 

Wobei man etwas Sinn haben muss für das Noch-Nicht-Perfekte.Denn das Buch (ISBN 3-033-01005-9) hat ein paar charmante Fehler, plötzlich eine weisse Seite oder dann nichts als die Frage "Seite 49?", wo es doch gerade nicht nummeriert ist - eine unfreiwillige Reminiszenz an das Buch der Bücher, an Laurence Sternes "Tristram Shandy",

 n dem mitunter eine Seite ganz schwarz eingefärbt sein kann?

 

Man nehme das Buch also zur Hand, strecke sich auf einer schönen Couch aus, ein Glas Wein gehört dazu, und dann höre man hin, auf diese so liebevoll jeweils auf eine Seite gebannten Stimmen, die sofort Rührung und Respekt aufkommen lassen, denn könnten wir nicht alle schreiben:

I was invited to a dinner. But at some point, I decided that

I didn't want to got. What I really wanted to do was to go home and be sad.

oder

When have I ever had do define my sexuality?

oder

I'm not even sure making sense right now.

 

Aus DIGITAL BRAINSTROMING, November 2007