HANS PETER RIEGEL

 

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MAN SOLLTE MEINE BILDER MIT GEDULD BETRACHTEN.

 

Interview mit dem Kurator Daniel Blochwitz für den aktuellen Fotoband DAZED

 

 

 

Du kommst eigentlich aus der Malerei, warst einige Jahre Assistent von Jörg Immendorff. Wie hast Du zur Fotografie gefunden?

 

Zur Malerei kam ich eigentlich über die Familie. Mein Vater ist Grafiker und malt heute Stadtansichten. Mein Grossvater malte Landschaftsbilder und auch ein Cousin meines Vaters war Kunstmaler, wie man das früher nannte. Schon als Kind habe ich meinem Vater im Atelier geholfen, etwa bei der Anfertigung von Bühnenbildern und habe mit Begeisterung gemalt. Fotografiert habe ich, seit dem ich zur Kommunion einen Fotoapparat geschenkt bekam. Die Motive waren nichts besonders, Familie und Ferien zumeist. Aber der Weg war vorgezeichnet. Später in den Teenagerjahren verfestigte sich das Interesse an Malerei und Fotografie. Wobei mich schon damals auch Journalismus interessierte.

 

Welchen Bedeutung hatte Immendorff auf deinen Werdegang?

 

Anfangs ging es nur um Politik. Wir begegneten uns erstmals 1973 an einem schulpolitischen Seminar. Ich war Schülersprecher und Immendorff Vertrauenslehrer. Anschliessend trafen wir uns immer wieder in diesen Zusammenhängen und wurden Freunde. Mit Immendorffs Malerei konnte ich zu dieser Zeit allerdings nichts anfangen. Er malte diese grauenvollen Agitprop-Bilder und war damit am Kunstmarkt vollkommen erfolglos. Als er dann mit dem Cafè Deutschland Zyklus begann, wurde ich neugieriger auf seine Kunst.

Wichtiger als ein direkter künstlerischer Einfluss war in diesem Jahren für meine Entwicklung, dass ich über Immendorff früh mit der künstlerischen Avantgarde in Berührung kam. Diese Begegnungen, etwa mit Beuys, haben mich sehr geprägt.

 

Also hatte Immendorff keinen Einfluss auf dein künstlerisches Wirken?

 

Das würde ich so nicht sagen. Der Einfluss bestand sicherlich nicht darin, dass ich seinen Stil adaptierte. Erst einmal war da ein praktischer Einfluss, in dem er mich fragte ihn zu portraitieren und seine Arbeit fotografisch zu dokumentieren, später kam Video hinzu. Das war für mich ein wichtiger Impuls nicht Malerei sondern Fotografie und audiovisuelle Medien zu studieren.

Auch weil mich Immendorff schon vor dem Abitur als Assistent beschäftigte, womit ich eine sehr unmittelbare künstlerische Ausbildung erhielt, konnte ich mir das Studienfach Malerei sparen. Interessanter als seine Malerei fand ich bei Immendorff auch seine frühen dadaistischen Arbeiten und später diese Art von künstlerischen Kampagnen, die er rund um Cafe Deutschland aufzog. An denen ich einigen Anteil hatte, die ich mit ihm gemeinsam konzipierte, etwa die so genannten "Parteitage" oder das legendäre "La Paloma". Dessen Idee lehnt sich an die Zürcher Kronenhalle an, in der wir Gast waren, wenn wir in Zürich zu tun hatten.

Ich war mit immendorff von 1973 bis zu seinem Tod befreudet, war fünf Jahre sein Assistent, schliesslich sein Partner bei Projekten. Die wichtigsten Lehren die ich ihm zu verdanken habe sind unbedingte Hingabe, permanente Selbstreflexion und jene Art quälender Geduld auszuhalten, die es braucht, bis man mit seiner Kunst Anerkennung findet.

 

Hast du damals in der der Zeit mit Immendorff schon geschrieben?

 

Ja, für ein Stadtmagazin. Politisches Zeug und Beiträge über Kunst, die ich dann mit eigenen Fotos bestücken konnte.

 

Du malst, Du machst Videos und abendfüllende Filme.Wie wichtig ist das Medium Fotografie in Deinem Werk? Ist sie ein Teil Deiner künstlerischen Praxis oder eher ein eigenständiges Medium der Bildfindung?

 

Es gibt zwischen der Malerei wie ich sie betreibe, also digital am Computer sowie Bewegtbild und Fotografie formale Verwandtschaften. Dies spielt eine grosse Rolle für mich, da ich identische, gestalterische Ideen in den verschiedenen Medien anwende - zum Bespiel so genannte Layer. Das sind mehrere übereinander geschichtete Bildebenen. Diese Layer findet man in allen Medien in denen ich arbeite. Dazu zählt übrigens auch die Musik, die ich für meine Videos und Filme produziere.

 

Du hast jetzt formale Aspekte genannt. Wie sieht es inhaltlich aus?

 

Ein zentrales Thema ist für mich Übersehenes, Unbeachtetes, Verdecktes sichtbar zu machen. Das können die vergessenen, beschädigten Motive aus meinem eigenen Archiv sein. Das können Pflanzen am Wegesrand sein, die von Hunden bepinkelt werden und die ich fotografisch auf die grosse Bühne hole. Das können Situationen sein, deren subtile Spannung erst mit ihrer bildnerischen Umsetzung auffällig wird. Das sind Assoziationen, verwaschene Erinnerungsfetzen, sich überlagernde Gedankenblitze. Das kann auch ein kaum beachtetes, gesellschaftliches Problem wie Hypersensibilität sein, dem ich mich in meinem aktuellen Film widme. Das sind meine investigativen Arbeiten als Autor.

 

Wenn man durch das DAZED Buch blättert, erkennt man schnell formale Zusammenhänge in der Aneinanderreihung der Bilder, aber man merkt auch, dass es da weitere Bedeutungsebenen gibt. Wo liegen diese für Dich?

 

Eigentlich dürfte ich dieses Interview gar nicht führen, weil ich zu meinen Arbeiten grundsätzlich keine Interpretationshilfen gebe. Das machen Künstler, die ihren eigenen Arbeiten nicht vertrauen. Diese Selbstinterpretation von Künstlern ist extrem dämlich. Neulich habe ich das noch an einer Vernissage erlebt, als eine Künstlerin in furchtbar gedrechselten Ausführungen jedes einzene Bild erläuterte. Ich habe immer nur gedacht, bitte hör auf, du machst alles kaputt, du zerstörst den Zauber.

Die Arbeiten sollten geheimnisvoll bleiben. Ihr Entstehungsprozess muss eine Art von Alchemie sein. Ein Chemiker verrät ja auch nicht seine Formeln. Wenn ich über meine Arbeit spreche, dann allenfalls über meinen generellen künstlerischen Ansatz und über meine prinzipiellen Haltungen. Das muss genügen.

Meine Arbeiten sollen zu eigener Interpretation anregen. Auch durch ihre intensive Betrachtung, die ich zum Beispiel mit dem kleinen Format der DAZED Bilder provozieren will, die so ausgestellt werden, wie man sie in dem Buch sieht. Oder umgekehrt in dem ich mit extremer Vergrösserung oder mit Schockelementen arbeite. Wie auch immer. Man sollte meine Bilder mit Geduld betrachten. Es gibt viel zu entdecken und viel Spielraum für die eigene Phantasie. Und wenn es mir nicht gelingt die Betrachter auf diese Weise, allein über das Motiv dahin zu führen, wird die Situation nicht besser, wenn ich eine Interpretationshilfe mitliefere.

 

Dein Arbeitsprozess scheint eines des “langsam reifenden” zu sein. Ja, manche Bilder wurden für Dich scheinbar erst interessant als Spuren der Zeit und Vergänglichkeit in ihnen zu sehen waren.

 

Da ich seit meiner Jugend künstlerisch arbeite, könnte man durch- aus von einem “langsam reifenden“ Œu­v­re sprechen. Es gibt zum Beispiel ein umfangreiches, malerisches Frühwerk. Das sind wuchtige, abstrakte Gemälde, ruppige Gesten, sehr unmittelbare Malerei. Manchmal schaue ich die Bilder an und sehe Aspekte, die mich heute wieder interessieren. Allerdings reizt es mich heute nicht mehr Farben zu kaufen und Leinwände aufzuspannen. Trotzdem, der malerische Gestus zieht sich aus den frühen Arbeiten bis heute weiter.

Als ich begann mich wieder intensiver mit der Fotografie zu beschäftigen, wollte ich zunächst eine Anknüpfung an die ersten künstlerischen Erfahrungen finden. Da kam es mir gelegen, dass viele Motive in meinem Archiv durch  einen Wasserschaden und die vielen Umzüge meines Lebens Schaden genommen hatten. Das Rohe, das Zerissene meiner frühen Malerei fand ich hier in den kaputten Negativen wieder. Das gab mir beispielsweise Impulse für meine Filme, in denen man diese Ruppigkeit findet.

 

Du deklinierst die Fotografien oftmals in einer Reihe von Stimmungen und Varianten durch. Gleichzeitig gibt es bei Dir aber auch Arbeiten, die von Dir auf nächtlichen Streifzügen eingefangen wurden, wo der Moment wichtig ist.

 

Die Deklinierung von Motiven ist eine klassische, künstlerische Methode für die Auseinandersetzung mit einem Motiv. Die Variation erlaubt einen grösseren Interpretationsspielraum, man gelangt nicht selten auch inhaltlich zu einem veränderten Blick auf ein Motiv. Was Du Momentaufnahmen nennst, sind in gleichem Sinn Variationen eines Themas. Ich gehe ja nicht durch die Gegend und knipse wild herum. Vielmehr bin ich auch tief in der Nacht höchst aufmerksam und habe im Kopf, was ich fotografieren will, nämlich eine Variante zu einem Thema. Natürlich muss ich den Moment schnell erfassen, muss ich schnell sein, wenn ich ihn fotografisch erhalten will.

 

Dein Werk und damit Dein Interesse an der Welt ist sehr breit aufgestellt, was es sicher nicht einfach macht mit Kuratoren und auch Händlern zusammenzuarbeiten, die wahrscheinlich manchmal Mühe haben, mit einer solche Vielfalt innerhalb einer einzigen künstlerischen Position umzugehen. Wie siehst Du das selbst? Was sind Deine Erfahrungen?

 

Das ist tatsächlich ein Problem. Ich schreibe ja auch über Kunst und Künstler. Es macht meine Situation durchaus komplizierter, wenn ich etwa die dubiosen Geschäfte mit der Kunst kritisiere. Hinzu kommt meine Persönlichkeit. Ich bin nichtkonformistisch. Nur sind Ignoranz und Neid leider weit verbreitet. Dieses ewige Gewispere in der Kunstszene. Mich ödet das an. Ich mache was mich interessiert, weil ich es kann. Das überfordert manche.  Und ja, es ist so, der Kunstmarkt verlangt heute mehr denn je nach Eindeutigkeit. Werk und Künstler sollen wie ein Markenartikel wiedererkennbar sein. Bei jemanden der so breit aufgestellt ist wie ich, scheint das schwierig zu sein. Was es jedoch nicht ist, wenn man sich mit meiner Arbeit und mit mir befasst. Da ist  Konzept, Handschrift und Haltung erkennbar. Es kostet vielleicht ein wenig Mühe mein Œu­v­re zu erfassen und meine Gedanken zu verstehen. Sofern man dennoch an den Ergebnissen meines Wirkens interessiert ist, freut mich das.

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